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Gipsausstellung

Der „Walkenrieder Kapitän“ Felix Meier (1834-1886) – Teil IV


Die Familie des Gipsindustriellen Albrecht Meier (1838-1904) hat Walkenried in vielerlei Hinsicht stark geprägt. Auch sein Bruder Felix Meier (1834-1886) hat als „Walkenrieder Kapitän“ und Geschäftspartner Albrechts seine Spuren im Ort – und in der Welt – hinterlassen. In den kommenden Wochen wollen wir hier in den „Walkenrieder Nachrichten“ im Rahmen einer vierteiligen Artikelserie das faszinierende Leben dieses Seemans und späteren Gipsfabrikanten beleuchten. Ermöglicht wird uns dies durch eine Dokumentenspende seines Enkels, Henning Meier-Lüderßen aus Hamburg, dem an dieser Stelle herzlich für seine Unterstützung gedankt sei.

(zusammengestellt von Christian Reinboth, Michael Reinboth und Fritz Reinboth)

Letzte Reisen, Familiengründung und Ruhestand im Harz

Auch nach dem Verlust des „Kingman“ blieb Felix Meier der Seefahrerei noch einige Jahre treu, bis das Alter und die angeschlagene Gesundheit ihn zum Rückzug in den Ruhestand zwangen. Seine späten Jahre verbrachte er dann an der Seite seines Bruders als Geschäftspartner in der Walkenrieder Gipsindustrie und mehrfacher Familienvater im „Kapitänshaus“ an der Harzstraße.

Von Newschwang aus meldete Felix seinen Eltern nach dem Untergang des „Kingman“, dass er über Land heimkehren würde. Am 23. November 1863 startete er in Suez mit dem Dampfer, dann per Eisenbahn nach Kairo und Alexandria und anschließend wieder per Dampfer nach Triest am 3. Dezember. Von dort aus fuhr er direkt nach Hamburg, um sich um seine Geschäfte zu kümmern. Am 16. Dezember war er nach zweijähriger Abwesenheit wieder daheim in Braunschweig und blieb dort wochenlang, um seine durch die vielen Aufregungen angegriffene Gesundheit zu kräftigen. Er fasste den Entschluss, sich bei der königlich-preußischen Marine zu melden, bevor er aber eine Antwort erhalten hatte, wurde ihm erneut ein Handelsschiff der Zephyrer Reederei angeboten. Mit Freude übernahm er das Kommando und fuhr im Oktober 1864 nach Melbourne über Singapur und über Sankt Helena nach London, gab dort sein Schiff ab und lernte jetzt erst London kennen, wobei er bei liebenswürdigen Verwandten (Fritz Thomae) mehrere Wochen verlebte und seine Geschäfte abwickelte. Mitte November 1865 war er wieder in Hamburg und traf am 24. November dieses Jahres in Braunschweig ein, wo er alle seine Lieben gesund antraf und ein schönes Weihnachtsfest mit ihnen feiern konnte. Anfang 1866 besuchte er seine Brüder Ernst und Heinrich in Berlin und lernte nun auch diese deutsche Großstadt kennen.

Édouard Manet

Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko (Gemälde von Édouard Manet).

 

Am 7. März 1866 übernahm er in Hamburg die „Pallas“ der Reeder Gebrüder Amisenk und segelte mit ihr am 7. Juni von Hamburg nach Manzanillo an der Westküste von Mexico. Da durch eine durch widrige Wunde ungewöhnlich in die Länge gezogene Reise das Trinkwasser in den Tonnen schlecht geworden war und darum nicht ausreichte, kam er erst Anfang November auf die Höhe von Manzanillo. Da aber in Mexico ein Krieg zwischen den Liberalen und der kaiserlichen Regierung ausgebrochen war, wurde ihm das Landen verboten und er musste monatelang vor der Küste kreuzen, ehe ihm das Einlaufen in den Hafen erlaubt wurde. Diese Zeit war für ihn eine höchst unangenehme und langweilige; die Hitze war sehr groß, so dass der größte Teil seiner Leute fieberkrank wurde, teilweise wohl eine Folge der ungesunden Kost, da frische Lebensmittel und Wasser nur mit großen Kosten und Schwierigkeiten zu erlangen waren. Nachdem ihm Mitte Februar 1867 das Landen gestattet wurde, wickelte er so schnell wie möglich seine Geschäfte in Manzanillo und Mazatlan ab und konnte Anfang April die Heimreise antreten. Im August traf er nach einer glücklichen Reise in Falmonth ein und erhielt dort Order für Hamburg.

Bei dem hier erwähnten Krieg handelte es sich um eine militärische Intervention Frankreichs in Mexiko, die zwischen den Jahren 1861 und 1867 stattfand und die das Ziel hatte, mit dem österreichischen Erzherzog Maximilian einen frankreichtreuen Monarchen in Mexiko zu installieren. Die Intervention endete jedoch mit einem Sieg des mexikanischen Präsidenten Benito Juárez und der Hinrichtung Maximilians am 14. Mai 1867 – nur einige Monate nach Felix Meiers Irrfahrt vor der mexikanischen Küste.

Nach einem glücklichen Wiedersehen mit den Eltern in Braunschweig verlebte Felix Meier mit ihnen und fast allen seinen Geschwistern einige schöne Tage im Harz, kehrte dann aber wieder nach Hamburg zurück. Hier lehnte er das Anerbieten seines Reeders Amisenk, wieder die „Pallas“ zu fahren ab, um seine angegriffene Gesundheit zu kräftigen und blieb dafür den ganzen Winter des Jahres 1867 in Braunschweig.

Im Februar 1868 wurde Felix schließlich Kapitän des „Neptun“, der nach schwerer Havarie im Hafen lag und erst am 21. August wieder seetüchtig wurde. In der langen Wartezeit, in der er die Reparaturen des „Neptun“ beaufsichtigte, bewarb er sich um die vakant gewordene Stelle eines Marineinspektors in Hamburg. Seine Hoffnung auf eine erfolgreiche Wahl wurde jedoch enttäuscht – und spätestens hier stieg wohl der Gedanke in ihm auf, das unruhige Leben des Seemanns ganz aufzugeben und sich mit seinen Kräften an dem Gipsgeschäft seines Bruders Albrecht in Walkenried zu beteiligen, der ihn schon vor einigen Jahren als stillen Teilhaber angefordert hatte.

Als jedoch der „Neptun“ fahrbereit war, ging er noch einmal mit ihm nach Callao und den Chinetra-Inseln vor der Küste Perus, um Guano zu laden. Zu demselben Zweck lagen viele große Schiffe dort und die Kapitäne pflegten untereinander eine fröhliche Geselligkeit. Auch mit seinem ersten Kapitän Beichmann feierte er dort ein fröhliches Wiedersehen. Am 15. März 1869 trat er die Rückreise nach Hamburg an und traf nach einer glücklichen Fahrt am 11. Juli 1869 im Hamburger Hafen ein, wo er nun endgültig mit seinem wechselvollen und aufregenden Beruf abschloss.

Felix Meier

Felix Meier und seine Frau Ida Helene Meier im Jahr 1870 (Quelle: Nachlass der Familie Meier im Archiv des Vereins für Heimatgeschichte in Walkenried / Bad Sachsa und Umgebung e.V.).

 

Am 6. August 1869 verlobte sich Felix Meier mit Ida Helene Saul in Braunschweig, der Tochter des Pastors und späteren Kirchenrats Carl Wilhelm Saul und dessen Ehefrau, Philippine Blomeyer. Beide stammten aus Kurhessen und waren, nachdem sie im Jahre 1837 nach Braunschweig zogen, um einem Ruf an die reformierte Gemeinde zu folgen, seit Jahren mit der Meierschen Familie bekannt und befreundet. Nach der am 25. November 1869 stattgefundenen Vermählung des jungen Paares zog die Familie nach Walkenried im Harz, wo sie zahlreiche glückliche Jahre verlebte. Wohl bedurfte es einiger Zeit, ehe sich Felix an sein so ganz verändertes Leben gewöhnt hatte – und auch an das ungewohnt raue Klima des Harzes musste er sich erst gewöhnen. Seine Tätigkeit [als Geschäftspartner seines Bruders] befriedigte ihn nicht so, wie er gehofft hatte, und alle Bemühungen seine Kräfte anderweitig zu verwerten, waren erfolglos. Erfüllung fand er dagegen in seiner Familie, die um zwei Söhne und zwei Töchter anwuchs.

Einen Einblick in das Familienleben der Meiers gewährt das nachfolgend abgebildete, um 1890 in Walkenried entstandene Familienfoto. Es zeigt Felix Meiers Bruder Albrecht Meier ganz links in einem zeitgenössischen Freizeitlook (für den Hut war seinerzeit auch der Begriff „Kreissäge“ geläufig) im Kreise seiner Verwandten. Wo genau diese Aufnahme entstand, verschließt sich heute leider unserer Kenntnis, es könnte aber durchaus die ehemalige Schustereiche am Itelteich gewesen sein. Felix Meier war zum Zeitpunkt dieser Aufnahme bereits verstorben, zu sehen sind allerdings (ganz rechts im Bild) seine Witwe Ida Meier sowie daneben (wahrscheinlich) seine älteste Tochter Luise (mit Hut in der Hand) und sein jüngster Sohn Felix Meier jun.

Albrecht Meier

Historische Fotografie der Familie des Walkenrieder Gipsfabrikanten Albrecht Meier aus dem Jahr 1890.

 

Die vielen Aufregungen und Mühseligkeiten seines Lebens, besonders der Untergang seines geliebten „Kingman“, hatten Felix Meiers Gesundheit untergraben und führten ihn einem frühen Tode entgegen. Seit dem Jahr 1880 begann sich ein schweres Herzleiden bemerkbar zu machen. Mit großer Geduld ertrug er seine zeitweise sehr schmerzhaften Leiden, bis er seiner Familie am 9. Mai 1886 durch den Tod entrissen wurde. Der älteste Sohn Ernst [der spätere Vater von Ernst Meier-Cortés, der die Aufzeichnungen Heinrich Meiers transkribierte], eben 15 Jahre alt, war gerade acht Tage vor seines Vaters Tod konfirmiert wurden, die Töchter Luise und Hedwig waren zum Zeitpunkt seines Todes 13 und 11 Jahre, der jüngste Sohn Felix 5 Jahre alt.

Damit enden die von Henning Meier-Lüderßen übergebenen Aufzeichnungen zum Leben Felix Meiers. Herrn Meier-Lüderßen sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für die Einblicke in das Leben einer Familie gedankt, die Walkenried stark geprägt hat. Auf der nächsten Seite haben wir wiederkehrende und besonders wichtige Orte aus Felix Meiers Weltreisen auf einer Karte vermerkt – und gelangen damit leicht zu der Erkenntnis, dass dieser Bürger unseres Klosterortes schon vor über 150 Jahren mehr von der Welt sehen durfte, als es vielen von uns selbst heute vergönnt ist.

Weltkarte

Einige der wichtigsten und wiederkehrenden Stationen im Leben des „Walkenrieder Kapitäns“ Felix Meier.

 

Als kurzer Nachtrag zur Lebensgeschichte Felix Meiers sei noch auf das leider eher unrühmliche Schicksal der Gräber dieser prägenden Walkenrieder Familie hingewiesen, die der Enkel Henning Meier-Lüderßen im Jahr 1965 noch auf dem alten Friedhof an der Ellricher Straße fotografieren konnte. Wenig später wurden die beiden Grabsteine von Felix und seiner Frau Ida Meier sowie die an einem Baum angebrachte Grabtafel für den lokalhistorisch ebenfalls bedeutenden Forstmeister Adolf Heusinger auf eine Anweisung der Gemeindeverwaltung von Walkenried hin beseitigt – Verbleib unbekannt.

Erst im Jahr 1972 wurde die benachbarte Grabstätte von Gustav Schmid und Frau abgetragen und das davor angebrachte schmiedeeiserne Gitter verschrottet. Walter Reinboth sen. hat in seiner Funktion als Vorsitzender des Geschichtsvereins damals die Grabkreuze zunächst noch im Brüdersaal sichergestellt, später wurden diese jedoch im Zuge der Bauarbeiten ebenfalls entsorgt. Gerettet wurden einzig die Grabtafeln der Familie Schmid durch einige Hinterbliebene. Geschichtsinteressierte Bürgerinnen und Bürger unseres Klosterortes haben deshalb aufgrund des – recht kurzsichtigen – Verhaltens der damaligen Verwaltung heute leider nicht mehr die Möglichkeit, die Grabstätten von Felix Meier, Adolf Heusinger oder Gustav Schmid zu besuchen – und auch das Grab des Bruders und bedeutenden Industriellen Albrecht Meier auf dem Geiersberg-Friedhof existiert aufgrund von Verwaltungshandeln leider nicht mehr.

Grabstein

Inzwischen einplaniertes Grab von Felix Meier auf dem alten Friedhof an der Ellricher Straße, die Aufnahme wurde um 1965 von Henning Meier-Lüderßen gemacht.

 

Verwendete Text- und Bildquellen

Gedruckte Quellen

Reinboth, Fritz: Der rote Faden – Ein Gang durch das alte Walkenried, Heft 32 der Schriftenreihe des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried / Bad Sachsa und Umgebung e.V., Clausthal-Zellerfeld 2010.

Reinboth, Fritz: Wilhelm Raabe in Walkenried 1878/79, Heft 34 der Schriftenreihe des Vereins
für Heimatgeschichte Walkenried / Bad Sachsa und Umgebung e.V., Clausthal-Zellerfeld 2010.

Dr. jur. Bernhard Koerner (Herausg.): Genealogisches Handbuch Bürgerlicher
Familien, ein Deutsches Geschlechterbuch, S. 328 – 335, Berlin 1904.

Archivgut

Archiv des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried / Bad Sachsa und Umgebung:
Sammelmappe zum Nachlass von Kapitän Felix Meier (Stiftung von H. Meier-Lüderßen)

Bildquellen (die Seitenzahlen beziehen sich auf die PDF-Version dieses Textes)

Seite 1: John Oxley Library, State Library of Queensland / Lizenz: Public Domain
Seite 3: Fotografie aus dem Privatbesitz von Felix Meier jun. / Lizenz: ARR
Seite 4: Aquarell von Walter Reinboth, Privatbesitz / Lizenz: CC BY-ND 2.0
Seite 4: Fotografie von Fritz Reinboth (2010) / Lizenz: CC BY-ND 2.0
Seite 5: Aus der Wikipedia / Lizenz: Public Domain
Seite 6: Aus der Wikipedia / Lizenz: Public Domain
Seite 7: Library of Congress / Lizenz: Public Domain
Seite 8: Archive of Sotheby’s / Lizenz: Public Domain
Seite 9: Aus der Wikipedia / Lizenz: Public Domain
Seite 11: Aus der Wikipedia / Lizenz: Public Domain
Seite 14: The Yorck Project / Lizenz: Public Domain
Seite 15: Bildarchiv des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried / Lizenz: Public Domain
Seite 16: Bildarchiv des Vereins für Heimatgeschichte Walkenried / Lizenz: Public Domain
Seite 17: Selbsterstellt, basierend auf einer Public Domain-Weltkarte / Lizenz: Public Domain
Seite 18: Fotografie von Henning Meier-Lüderßen (1968) / Lizenz: ARR

Über Christian Reinboth

http://www.christian-reinboth.de

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