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Zwischen Isergebirge und Südharz: Ruth Monicke lebte für zweimal Heimat


Ruth Monicke hat sich auf ihre Art von ihren Freunden und Bekannten verabschiedet. Still hat sie sich von dieser Welt zurückgezogen. Das passt eigentlich so gar nicht zu ihr, deren Engagement für ihre alte Heimat sich bis zuletzt in Taten und Worten niederschlug und die in ihrer neuen Heimat zahlreiche Pflöcke eingerammt hat und sich hierbei gegen zum Teil erhebliche Widerstände durchsetzen musste.

„Heimat“ gibt es nur in der Einzahl. Ruth Monicke hatte aber zwei „Heimaten“, denn obwohl sie schon als Kind aus Schreiberhau, dem Ort zwischen Iser- und Riesengebirge, flüchten musste, hat sie, nachdem dies wieder möglich war, unermüdlich für Szklarska Poreba gearbeitet, Kontakte geknüpft, Projekte wie die Wiederherstellung des Nieder-Schreiberhauer Friedhofs oder der dortigen Kirchenuhr gefördert, ganz ohne Ressentiments und hochgeachtet von ihren polnischen Gesprächspartnern und Freunden. Zuletzt, als das Reisen nicht mehr ging, blieben das Schreiben und die Kontaktpflege über das Netz. Man konnte sich mit ihr wunderbar über die Schönheiten der beiden Gebirge, die Vorzüge von Schreiberhau oder über Carl und Gerhart Hauptmann unterhalten – den berühmten Nobelpreisträger hat sie als kleines Kind noch als Nachbarn kennengelernt. Ihre beiden Brüder huldigten schon in Schreiberhau dem Wintersport und wurden im Harz bekannte Skispringer.

In Walkenried mit der Familie Weichert angekommen, hatte sie es, wie alle Flüchtlinge, keineswegs einfach. Ein roter Teppich wurde ihnen ja nicht ausgerollt. Oft hat sie über ihre schwere erste Zeit erzählt – was sie nicht daran gehindert hat, zusammen mit dem Ur-Walkenrieder Gerhard Henze alles über die hiesige Geschäftswelt der Jahre 1945 bis 1950 zusammenzutragen und zu publizieren. Walkenried wurde ihr zur wirklichen zweiten Heimat, für die sie sich mit zunehmendem Alter immer stärker engagierte. Als erste Frau wurde sie in den Walkenrieder Gemeinderat gewählt und hinterließ hier Spuren, die bis heute deutlich sichtbar sind. Dazu zählen ihr Engagement für ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger, für die sie „Nah dran“ ins Leben rief und zahlreiche Referenten nach Walkenried holte, und ihre langjährige Tätigkeit als Leiterin der Gemeindebücherei, wo sie unermüdlich vor allem um Kinder als Leser bemüht war. Sie war durchaus hartnäckig und streitbar: Als die Gemeinde kein Geld mehr für die Bücherei bewilligen mochte, zog sie von einem zum anderen Tag einen Schlussstrich.

Unvergessen auch ihre Bemühungen um die Wiederaufnahme des Personenzugverkehrs zwischen Walkenried und Ellrich. Ihr Schriftwechsel hierzu füllt Ordner, die Antworten der diversen Politiker, die zwar in Sonntagsreden die Einheit beschworen, aber zu Taten nicht in der Lage waren, hätten jede andere Person verzweifeln lassen. Sie nicht. Sie machte einfach weiter, gewann Mitstreiter, wusste zuletzt die Eisenbahngewerkschaft hinter sich. Und saß in einem der ersten Züge, die am 12.11.1989 tatsächlich wieder fuhren.

Von unschätzbarem Wert für Walkenried war ihr Kampf um die Sanierung der Klosterteiche. Dass diese sich heute in gutem Zustand präsentieren, ist zweifellos ihr Verdienst. Ihre Beharrlichkeit, ihr ständiges Drängen und Vorsprechen bei den Behörden und Ministerien, ihr Behauptungswille gegen vielerlei Widerstände hat sich für den Klosterort ausgezahlt.

Vor allem jedoch griff sie ein Thema auf, welches in Walkenried gern verdrängt wurde. Die „Juliushütte“ und das dortige KZ wurden – aus der Überzeugung heraus, dass man immer und immer wieder daran erinnern muss, um eine Wiederholung für alle Zukunft zu vermeiden – ihr großes Thema, für das sie sich mit allen anlegte, die ihr diesbezüglich in die Quere kamen. Und das waren nicht wenige: Ewig-Gestrige waren darunter, aber vor allem Menschen, die den Namen Walkenried nicht im Zusammenhang mit dem KZ Juliushütte sehen wollten. Ihnen kam über viele Jahre hinweg die Nähe des Geländes zur Grenze gelegen. Ruth Monicke boxte schließlich die Aufstellung eines Gedenksteins auf Walkenrieder Gemarkung durch, knüpfte Kontakte zu ehemaligen Insassen, übersetzte deren Erinnerungen in die deutsche Sprache und drehte, nachdem die Grenze gefallen und das Gelände wieder vollständig verfügbar war, noch einmal richtig auf. Bis zuletzt nahm sie an der Entwicklung teil und freute sich über Aufräumaktionen und neue Hinweisschilder. Am Ende, so viel steht fest, hat sie sich durchgesetzt. Und das Aufwecken der Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse von 1944 und 1945 wird immer mit ihrem Namen verknüpft sein. Dass Walkenried sich inzwischen auch zu diesem Teil seiner Vergangenheit offen bekennt, ist ihr Vermächtnis.

In den letzten Jahren kam sie kaum noch aus ihrer Wohnung heraus. Aber wenn man ihr dann vom letzten Wanderurlaub im Isergebirge vorschwärmte, wurde sie lebendig und begann zu erzählen: Von den langen Wintern da oben, vom Wintersport, von der Flucht, von der Rückkehr, von der Wiederherstellung des Grabes von Carl Hauptmann. Und immer wieder wollte sie Artikel für die schlesische Heimatzeitung, weil sie längst bemerkt hatte, dass nur mit alten Erinnerungen kein Staat mehr zu machen war. Gegen das Aussterben der alten Schlesier war auch sie am Ende machtlos. Aber die Unbefangenheit, mit der sie den heutigen Bewohnern entgegentrat, war und ist auch für andere beispielgebend.

So gesehen, ist nicht nur eine engagierte Walkenriederin und entschiedene Gegnerin der Nazis und jeder anderen Form der Gewaltherrschaft, sondern auch eine überzeugte Europäerin von uns gegangen. Von allem können wir eigentlich nicht genug haben. Allein deswegen wird sie uns fehlen.

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