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Gipsausstellung

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Ein Münchhausen in Walkenried

Der Name „Münchhausen“ wird üblicherweise mit dem „Lügenbaron“ in Verbindung gebracht. Wenn nun von einem Münchhausen im Klosterort gesprochen wird, dann muss man keine Bedenken haben, dass im nächsten Augenblick Hans Albers auf einer Kanonenkugel um die Ecke geritten kommt. Obschon dies eine weitere touristische Attraktion wäre! Diese jedoch bleibt Bodenwerder an der Weser weiter allein vorbehalten, denn der oder vielmehr die Walkenrieder Münchhausens entstammen einer anderen, der „weißen“ Linie dieses recht weit verbreiteten Geschlechts, während der große Geschichtenerzähler der „schwarzen“ Linie zuzurechnen ist.

Das alles und mehr hat Fritz Reinboth in Wolfenbüttel und im – sehr gut sortierten – Archiv des Walkenrieder Geschichtsvereins ausgegraben oder, korrekt, wieder erschlossen, denn im Grunde war ja die Existenz des Drosts Heinrich Burchard von Münchhausen in Walkenried ja schon bekannt, aber etwas in den Hintergrund geraten ob all der vielen Promis, die sich einst im Kloster die Klinke in die Hand gaben, Heinrich der Löwe und sein Sohn Kaiser Otto der Vierte vorneweg. Zu Münchhausens Zeit war das Kloster bereits Geschichte, aber sein Wirken in Walkenried wäre ohne dessen Existenz nicht denkbar – das Kloster wirkte ja noch einige hundert Jahre nach und tut es im Grunde bis heute. So eben auch bei ihm.

Klosterkirche
Dieses Gemälde aus dem von Karl Helbing erstellten Rosenblath-Zyklus zeigt die Ruinen der Walkenrieder Klosterkirche. Insbesondere der hier abgebildete Hohe Chor war eines der beliebtesten Motive der Künstler der „Walkenrieder Malerkolonie“.

Der „Klosterhof“ als Dreh- und Angelpunkt

Anlass zur erneuten und vertieften Befassung mit dem „Walkenrieder Münchhausen“ war die Frage, wie alt der „Klosterhof“, heute im Besitz der Familie Nitz, denn nun wirklich ist. Auf dem bekannten Rieseschen Riss des Unterklosters von 1723 ist er unter der Nummer 36 als „Frh. von Munchhausen Hauß“ eingetragen, und dieser – das mit dem Freiherrn-Titel ist übrigens fraglich, da die „weiße Linie“ ihn nicht immer führte – ist auch der Erbauer des heute noch stehenden, allerdings von Werner Emmelmann um eine Veranda ergänzten Gebäudes. Da Münchhausen 1693 als „Drost“ nach Walkenried kam und dort 1717 verstarb, muss es in jener Zeit errichtet worden sein. In dem von ihm selbst erstellten „Erbzinsregister“ des Stiftsamts Walkenried ist es – im Gegensatz zur heutigen Pfarrei – noch nicht erwähnt, so dass man es auf etwa 1711 bis 1717 eingrenzen kann. Der „Klosterhof“ ist also, vom Torbogen und Kloster natürlich abgesehen, fraglos eines der ältesten Gebäude des Ortes. Von der Erwähnung her hat da die „Stiftsschenke“ die Nase vorn, von der vorhandenen Bausubstanz her kommt aber allenfalls noch das Pfarrhaus mit, welches laut Erbzinsregister der Förster Weinschenck erbauen ließ. Sie steht da schon drin, der Klosterhof aber noch nicht. Hotel, also „Klosterhof“ im eigentlichen Sinne,  ist es erst seit 1897, als der Müller Christoph Presse es erwarb und entsprechend umbaute. Münchhausen errichtete es als sein Wohnhaus, lange vor dem „Hospital“, welches da erst seit 1750 steht. Das zuvor von ihm genutzte „Herrenhaus“ ist nicht das heutige, erst im 19. Jahrhundert erbaute, sondern dessen Vorgänger, der auf dem heutigen Klostervorplatz gegenüber dem Westportal des Klosters stand und 1857 abgerissen wurde, nachdem der Domänenpächter Paulsen 1855 in das neue Herrenhaus umgezogen war.

Klosterhof
Dieses Gemälde aus dem von Karl Helbing erstellten Rosenblath-Zyklus zeigt das Gasthaus und Hotel Klosterhof, das in den 50er Jahren noch über ein eigenes Kino verfügte.

Münchhausen – ein kleines Finanzgenie?

Es ist heute „en vogue“, frühere Vorgänge mit heutigen Begriffen zu belegen, um sie anschaulicher zu machen. Das kann man im ZisterzienserMuseum gut beobachten, wo die zisterziensische Klosterfamilie gern als „weißer Konzern“ bezeichnet wird, mit Bilanzen und allem drum und dran. Heinrich Burchard von Münchhausen muss diesbezüglich aber wirklich gut drauf gewesen sein, denn er war 1693 in der Lage, seinem Landesherrn, dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, locker 165.000 Taler für die Wiedereinlösung des Stiftsamts Walkenried aus Gothaischer Verpfändung zur Verfügung zu stellen. Wohlgemerkt: Der Herzog wollte Walkenried wieder einlösen, hatte das Geld aber nicht – Münchhausen hingegen schon! Als „Belohnung“ wurde er, der zuvor Amtmann in Stiege war, Drost, also ebenfalls Amtmann, in Walkenried und blieb es bis zu seinem Tod 1717. Solch eine Drosten- oder Amtmannsstelle muss also finanziell durchaus lukrativ gewesen sein und dem Inhaber einige Einkünfte gesichert haben. Er war auch anderweitig wirtschaftlich aktiv, erwarb in Gatterstädt bei Querfurt zwei große Güter und war auch „Gewerke“, also Teilhaber der Zinnoberzeche in Wieda. Dieses Engagement freilich erwies sich als, neudeutsch formuliert, „Flop“ für ihn wie auch seinen ebenso beteiligten Verwandten, den Kammerherrn Hieronymus von Münchhausen aus Wolfenbüttel.

Münchhausen war zwei Mal verheiratet, seine beiden 1710 und 1716 verstorbenen Gattinnen wurden in Walkenried beigesetzt. Er übrigens auch, und zwar – gegen seinen ausdrücklichen Willen – im Kapitelsaal des Klosters. Aus der ersten Ehe gingen drei Töchter und drei Söhne hervor. Eine verwitwete Tochter von ihm wohnte bis zu ihrem Tod 1742 im „Klosterhof“, eine andere unverheiratete Tochter, Agnes Margarete, von 1730 bis 1756 im Jagdschloss. Die Söhne verschlug es nach Gatterstädt, die Familie ist dort bis 1799 nachzuweisen.

In Walkenried gab es Münchhausens demnach rund 70 Jahre, ganz ohne Pferd am Kirchturm oder sausende Kanonenkugeln. Eine der bekannten faustdicken Lügen kann man aber, quasi als weit gefasstes Erbe der Münchhausen-Sippe, durchaus auf Walkenried beziehen: Die Kunst, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Wäre das nicht ein guter Vorsatz zu Beginn des neuen Jahres 2022? Rat und Verwaltung können sich da in Münchhausens Nachfolge Verdienste erwerben. Das „Unterkloster“ hingegen ist gewiss noch für manche Geschichte gut. Und der Geschichtsverein wird da dran bleiben, ganz sicher.  

Skizzen von Samuel Rösel machen späte Zerstörungen an der Klosterruine deutlich

(von Michael Reinboth, Walkenrieder Geschichtsverein)

Der Verein für Heimatgeschichte Walkenried/Bad Sachsa wirkt wie so viele andere Vereine auch seit Monaten etwas im Verborgenen. Veranstaltungen sind über Monate hinweg nicht möglich gewesen, und auch der Besuch von Archiv und Ausstellung unterlag Beschränkungen.

Die Arbeit am Thema Heimatgeschichte ging freilich ohne Pause weiter, die Bestände des Archivs wurden weiter gesichtet, und nun ist auch ein neues Heft in der Schriftenreihe des Vereins erschienen – immerhin die Nummer 52. Besonders die in den letzten fünfzehn Jahren nach und nach herausgebrachten Hefte und Bücher zu Walkenrieder Themen und zur Walkenrieder Umgebung wurden und werden vielhundertfach verkauft und tragen mit dazu bei, das Interesse am Klosterort zu wecken und Gäste anzulocken. Schade, dass diese Arbeit, die ja ausschließlich ehrenamtlich erfolgt, durch den Verkaufsbeschluss zur alten Grundschule am Geiersberg erheblich beeinträchtigt wird. Der Verein weiß nämlich nicht, wo die Bestände dann gelagert, die vielen, zum Teil wertvollen Ausstellungsstücke präsentiert und die Archivarbeit, die vielfach Auskünfte an Dritte umfasst, welche seitens der Gemeinde nicht erteilt werden können, fortgesetzt werden soll. Eine entsprechende, auch die Bücherei betreffende Anfrage an die derzeitige Verwaltungsspitze blieb bis dato ohne Antwort, obgleich die Zusammenarbeit mit der Verwaltung über Jahrzehnte hinweg sehr gut war und immer von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt wurde.

Davon unbeeindruckt hat Fritz Reinboth nach einigen sich mehr oder weniger zufällig ergebenden Kontakten und Funden die Fährte nach Zeichnungen des seinerzeit sehr bekannten, sogar von Goethe in einem Gedicht erwähnten Kunstprofessors und Zeichners Samuel Rösel (1769 – 1843) aufgenommen und wurde im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, wo man sich sehr kooperativ zeigte, fündig. Ein wahrer Schatz exakter Zeichnungen trat zutage, die Rösel aus Anlass eines Besuchs in Walkenried 1801 angefertigt hat. Sie sind so präzise, dass sich eine Gegenüberstellung mit dem Zustand zur Jahrhundertwende 1898 und dem heutigen Zustand geradezu anbot. Man bemerkt, dass nach 1801 bis zur endgültigen Sicherung der Ruinen der Klosterkirche noch allerhand kaputtgegangen oder verschwunden ist. Rösels Zeichnungen beeindrucken durch ihre Präzision, die bis ins kleinste Detail reicht – immerhin war er allenfalls ein paar Stunden hier, und was er da alles in sein Skizzenbuch gebracht hat, ist mehr als beachtlich.

Fritz Reinboth hat mit der von ihm gewohnten Präzision die Zeichnungen, ihre Entstehungsgeschichte und die Vergleiche mit vorgestern und heute in Heft Nummer 52 der Schriftenreihe zusammengestellt. Dass der Verein dabei mit der auch von ihm gern kolportierten Mär, das Karl Friedrich Schinkel dereinst den Torbogen gezeichnet habe, aufräumen muss, ist nicht zu ändern – immerhin beruhte dies ja auf Einschätzungen von Schinkel-Experten aus der damaligen „Hauptstadt der DDR Berlin“ aus dem Jahre 1982. Also, er war es nicht, Rösel war es. Aber das tut der Präzision auch dieser Darstellung ja keinen Abbruch, im Gegenteil.

Das neue Heft „Samuel Rösel – Skizzen aus Walkenried 1801“ ist soeben erschienen und kann zum Preis von 6 € im Archiv des Geschichtsvereins (noch in der alten Grundschule, Di 15 bis 17 Uhr) oder im Kiosk an der Harzstraße erworben werden.

Bild erinnert an die Rolle der Maler beim Erhalt des Klosters

Was lange währt… Am 8.3. konnte nach Anbringung der hierfür erforderlichen Schiene das vom Geschichtsverein Walkenried mit Hilfe von Sponsoren schon im Frühjahr 2020 erworbene Gemälde des Klosters aus der Zeit um 1850 in der Tourist-Information aufgehängt werden.

Karen Ruppelt, Christopher Wagner, Fritz Reinboth und Tina Holzapfel haben vor dem neuen Bild Aufstellung genommen.

Der Verkäufer des Bildes hatte zur Bedingung gemacht, dass es in Walkenried dem Publikum zugänglich sein müsse. Mit der Tourist-Information im Herrenhaus ist hierfür ein idealer Standort gefunden worden. „Wer zur Tür hereinkommt, dessen Blick fällt auf das Gemälde“ erläutert Christopher Wagner von der Gemeinde Walkenried, und auch Karen Ruppelt, Leiterin der der Tourist-Information Bad Sachsa und Walkenried, freut sich über den neuen Blickfang, der freilich seine Wirkung erst dann richtig entfalten kann, wenn die Einrichtung wieder für den Publikumsverkehr geöffnet ist.

Fritz Reinboth, Ehrenvorsitzender des Geschichtsvereins und Kenner der Walkenrieder Malerszene, erinnerte aus Anlass der Übergabe an die Rolle der Maler beim Erhalt des Klosters. Schon 1801 zeichnete Samuel Rösel das Kloster und sein Umfeld, aber es dauerte noch 15 Jahre, bis dem Abbruch des Klosters seitens der Braunschweigischen Regierung Einhalt geboten wurde. Maßgeblich hierfür waren Hinweise des Malers Ahlborn, der somit am Beginn des Denkmalschutzes in Walkenried steht, denn ausgelöst durch ihn trat der Blankenburger Kreisbaumeister Frühling in Aktion und sorgte für erste Sanierungsmaßnahmen.

Die Neuerwerbung hängt in der Tourist-Information.

Das vom Geschichtsverein erworbene und dem ZisterzienserMuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellte Bild stammt allerdings aus der Zeit um 1850 und aus dem Umfeld der bekannten Maler Carl Hasenpflug (1802-1858) und Wilhelm Steuerwaldt (1815-1871). Beide waren mehrfach in Walkenried und haben die Ruine und die Klausur gezeichnet und gemalt. Das nicht signierte Gemälde ist dabei eher der Steuerwaldt-Schule zuzuordnen und könnte auch von ihm selbst stammen. Es zeigt den weniger oft gemalten Südflügel des Kreuzgangs mit Blick auf den Innenhof, wobei man aus einigen Indizien wie dem fehlenden Maßwerk in den Fenstern oder dem fehlenden Dach auf dem Brunnenhaus Rückschlüsse auf die Entstehungszeit des Bildes ziehen kann. Im Unterschied zu anderen Bildern dieser Maler handelt es sich um eine sehr exakte Darstellung des damaligen Zustands.

„Wir freuen uns, dieses schöne Gemälde für Walkenried erworben zu haben. Hier ist es allemal besser aufgehoben als in einer privaten Sammlung. Selbstredend steht das Bild auch für eine eventuelle Ausstellung im Kloster zur Verfügung.“ Michael Reinboth, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, freut sich über den gelungenen Ankauf und wünscht sich, dass nicht nur Gäste, sondern auch die Walkenrieder bei Gelegenheit das Bild in Augenschein nehmen können. Denn es macht zwei Dinge deutlich: Die Wertschätzung, die das Kloster seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erfahren hat und bis heute erfährt, und die Fortschritte, die seither beim Erhalt von Kirchenruine und Klausur erreicht worden sind.

Walkenried genoss bis zum Ende des 19. Jahrhunderts einen guten Ruf als „Malerparadies“, wobei die sich später hier oft wochenlang aufhaltenden Künstler vorwiegend die Landschaft im Blick hatten. Mit dem Aufkommen der Gipsindustrie brach diese Entwicklung ab.

Der Geschichtsverein beschäftigt sich aktuell mit den Zeichnungen Samuel Rösels von 1801 und bemüht sich um eine Abdruckgenehmigung der im Berliner Kupferstich-Kabinett befindlichen Stücke, weil sie aufgrund der Genauigkeit, mit der Rösel arbeitete, ein exaktes Bild des Klosters zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen und vieles noch zu erkennen ist, welches in den Jahren danach dem Abbruch zum Opfer fiel.

Schweigende Mönche – Sprechende Steine

(von Michael Reinboth, Walkenrieder Geschichtsverein)

Dr. Brigitte Moritz war viele Jahre lang der Motor und Ideengeber des Museums im Kloster Walkenried. Diese Bemerkung soll das Wirken anderer keinesfalls schmälern, aber welcher Verlust ihr Weggang für Walkenried bedeutet, wird sichtbar, wenn man das soeben erschienene neue Buch „Schweigende Mönche – Sprechende Steine“, herausgegeben vom ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried, durchblättert.

Viele Jahre lang hat sie die Bauzier der Klosteranlage, also die Schlusssteine, die Kapitelle und Konsolen quasi täglich vor Augen gehabt. Nun hat sie sie in ihrem Buch katalogisiert, Schlussstein für Schlussstein, Kapitell für Kapitell, Konsole für Konsole. Eine enorme Fleißarbeit. Aber nicht nur das. Brigitte Moritz verbindet die Bauzier mit dem mönchischen, speziell dem zisterziensischen Gedankengut und erläutert, warum sich gerade, um einige Beispiele zu nennen, bestimmte Pflanzen in der Ornamentik finden, was es mit Adler, Löwe, Pelikan auf sich hat und warum bestimmte Fabelwesen auftauchen. Auf diese Art macht sie die Steine für auch für die Betrachter lebendig, die sich eher selten mit theologischen Fragen beschäftigen. Die damaligen Mönche wussten sicher um die Bedeutung jedes einzelnen Schmuckelements. Uns muss man da etwas auf die Sprünge helfen, was mit diesem Buch hervorragend gelingt.

Klostersommer

Wie filigrane Broschen: 750 Jahre alte Schlusssteine im gotischen Kreuzgang Walkenried, beim Gang über den Gerüststeg besonders gut in Augenschein zu nehmen (Foto: Günter Jentsch, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried).

 

Günter Jensch, dem ZisterzienserMuseum ebenfalls lange zugetan und hier eigentlich nie ohne Kamera anzutreffen, hat den Großteil der Bilder beigesteuert. Wie viel Mühe er darauf verwenden musste, um die oft an schwieriger Stelle, allemal aber weit oben angebrachte Bauzier auf den Speicherchip zu bannen, kann der erahnen, der sich schon oft den Hals nach den diversen Schmucksteinen ausgerenkt hat. Ein wunderbares Buch ist so entstanden, für das alle, für die das Kloster mehr als nur eine Anhäufung von Steinen ist, sondern spiritueller Ort, ein Stück Heimat oder eben auch „nur“ ein großes Baudenkmal, der Autorin und dem Fotografen zu Dank verpflichtet sind.

Kerzenschein

Im Kerzenlicht: Der gotische Kreuzgang der mittelalterlichen Klosteranlage Walkenried, Foto: Günter Jentsch, ZisterzienserMuseum Kloster Walkenried.

 

Das Buch hat seinen Preis: Knapp 12 € sind für die fast 180 Seiten fällig. Aber wer es in der Hand hat, der weiß, dass das Preis-Leistungsverhältnis in jeder Hinsicht passt. Also: Nichts wie hin… Halt! Die Sache hat leider einen Haken: Der Museums-Shop, in welchem das Buch verkauft wird, hat coronabedingt noch eine ganze Weile geschlossen. Es bleibt also nur, sich irgendwo eine Notiz zu machen und zum Kloster aufzubrechen, wenn es denn, und das sei hoffentlich bald, wieder geht.

Der Kohnstein – Nachruf auf einen geschändeten Berg

Der Verein für Heimatgeschichte Walkenried/Bad Sachsa und Umgebung hat sich inzwischen einige Bekanntheit durch die Herausgabe von Schriften zu Themen der Heimatgeschichte erworben. Dabei lösen sich „dicke Wälzer“ und kleinere Hefte, je nach Thema, in bunter Folge ab. Die Nummer 50 der Schriftenreihe wurde für den langjährigen Vorsitzenden und seitherigen Ehrenvorsitzenden Fritz Reinboth reserviert. Nun hat er geliefert und seine Schrift dem Kohnstein bei Nordhausen gewidmet.

Der Geschichtsverein ist auch bekannt dafür, dass er sich um eine objektive, also vom Sponsoring durch die Gipsindustrie und der Propaganda ihrer politischen Unterstützer nicht beeinflusste Darstellung des Südharzer Gipskarstes und seiner jüngeren Geschichte bemüht. Zu den bisherigen vier Heften dieser Reihe gesellt sich nun als Abschluss das Heft über den Kohnstein. „Nachruf auf einen geschändeten Berg“ lautet der von Fritz Reinboth bewusst gewählte Untertitel, denn in wohl kaum einem anderen Höhenzug des Gipskarstes bündeln sich wie in einem Brennglas bemerkenswerte, nun aber den Steinbrüchen und Abraumhalden zum Opfer gefallene Karsterscheinungen und eine ebenfalls weitgehend verschwundene wunderbare Landschaft einerseits und vor nichts zurückschreckendes Profitstreben andererseits, hier noch in trauriger Weise ergänzt durch die Verbrechen des Naziregimes. Dem Gedenken an diese unmenschlichen Geschehnisse verdanken wir, dass am Ende überhaupt noch ein Stück dieses einst ausgedehnten Wandergebietes übrigbleiben wird…

Niedersachswerfen, Produktion von V1 / V2

Der Kohnstein aus Richtung Niedersachswerfen (1945). [Bundesarchiv, Bild 146-1992-068-24A / CC-BY-SA 3.0]

 

Die Gipsindustrie schickt sich an, der schon geschundenen Südharzlandschaft in Niedersachsen und Thüringen den Rest zu geben – Ersatz für REA-Gips muss schließlich her. Dass am Ende nicht viel mehr als Trümmerfelder zurückbleiben, wo früher Karsterscheinungen das Interesse der Besucher weckten, spielt in diesen Überlegungen keine Rolle. Die Generationen nach uns werden einst fragen, warum wir diese einmalige Natur für kurzfristige Gewinne preisgegeben haben. Der jüngste Beschluss des Göttinger Kreistages lässt zwar hoffen, aber die gipsabbauenden Firmen werden nicht aufgeben.

Reinboths Schrift wird die Entwicklung wohl nicht aufhalten – zu sehr sind die Interessen von Industrie und Politik miteinander verwoben. Aber er zeigt, was alles verloren gegangen ist: Aussichtspunkte, Höhlen, Schwinden, markante Bäume… Um die gipsabbauende Industrie nicht zu Unrecht schlimmer Taten zu verdächtigen, stieg der nicht mehr ganz junge Autor sogar noch durch schwer zugängliches Gelände, um am Ende doch festzustellen: Auch die Kunzenhöhle wurde rücksichtslos preisgegeben. Und wer durch die heutige Mondlandschaft des Kohnsteins streift, der merkt, dass alles Gerede von Renaturierung oder gar „schöner als vorher“ nur Blendwerk ist.

Für den Wanderer (noch lassen sich bestimmte Wege ja begehen) und den Geschichtsfreund bietet die 30 Seiten starke Schrift viele Anregungen. Dass man sie nach dem Lesen doch etwas betroffen aus der Hand legt, liegt nicht am Verfasser. Doch ob anderen Bergen ringsum wie Himmelberg, Mühlberg, Himmelreich, Höllstein oder Sachsenstein das Schicksal des Kohnsteins erspart bleibt, hängt am seidenen Faden. So gesehen, sollte der „Nachruf“ zugleich auch ein „Weckruf“ sein, um der weiteren Zerstörung unserer einmaligen Landschaft Einhalt zu gebieten.

Das Heft kostet 5 € und kann beim Verein für Heimatgeschichte bezogen werden. Je nach Corona-Lage und entsprechenden Lockerungen wird es auch im örtlichen Buchhandel angeboten werden. Es ist im Papierflieger-Verlag Clausthal-Zellerfeld erschienen und kann auch über den Verlag bezogen werden.

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