//
Archiv

Ortsgeschichte

Diese Schlagwort ist 3 Beiträgen zugeordnet

Vortrag des Vereins für Heimatgeschichte: Alte Darstellungen des Amts Walkenried

Am Mittwoch, den 25. November 2015 zeigt Fritz Reinboth in einer Vortragsveranstaltung des Vereins für Heimatgeschichte historische Ansichten von Walkenried und den zum früheren Amt Walkenried gehörigen Dörfern Neuhof, Hohegeiß, Zorge und Wieda. Neben der ältesten Darstellung von Walkenried 1578 sind es wenig bekannte Zeichnungen bzw. Druckgraphik aus den Jahren 1762, 1838 und 1848. Da zeigt sich die Kirchenruine im Gegensatz zu einer Darstellung von 1661 hundert Jahre später genauso rudimentär wie sie heute aussieht – als ihre Nutzung als Steinbruch 1817 offiziell verboten wurde, war dort schon lange nicht mehr viel zu holen.

Spannend ist auch die Suche nach den zum Teil nur noch mühsam zugänglichen Standorten der Zeichner und was man von dort heute noch zu sehen kriegt – oder eben nicht! Überall sind ganze Ortsteile neu entstanden, welche einige der historischen Blicke versperren, andere dagegen sind noch fast genau so zu erleben wie vor 150 Jahren. Besonders reizvoll ist es, die Zeichnungen von Neuhof, Wieda und Zorge aus dem Jahr 1848 mit alten Ansichtskarten und aktuellen Fotos zu vergleichen.

Der Vortrag (mit Bildern) beginnt 15 Uhr in der Gemeindebücherei Walkenried, der Eintritt ist frei. Wie immer ist Gelegenheit, vorher oder nachher die benachbarte heimatkundliche Dauerausstellung mit den Schwerpunkten Gipsindustrie, Seifenfabrik und dem Rosenblath-Zyklus anzusehen.

Hauptbahnhof Walkenried

Dieses Gemälde aus dem von Karl Helbing erstellten Rosenblath-Zyklus zeigt den alten Walkenrieder Hauptbahnhof, der mittlerweile nicht mehr als Bahnhofsgebäude genutzt wird. In den 50er Jahren, als Helbings Gemälde entstand, hielt hier noch die mittlerweile verschwundene Südharz-Eisenbahn, mit der man von Walkenried bis nach Braunlage fahren konnte.

Nur ein Gepäckschein – Gedanken über ein Fundstück aus Ellrich

Von Andreas Friese aus Ellrich erhielten wir ein Fundstück aus dem Bahnhof Ellrich, welches dort wohl bei den Aufräumarbeiten aus Anlass des Umbaus zum Feuerwehrdepot gefunden wurde. Es handelt sich um zwei zusammenhängende Gepäckbegleitscheine aus dem Jahr 1943. Bei ihrer näheren Betrachtung lassen sich einige Fakten nachvollziehen – es ist aber auch das dabei vor den Augen des Betrachters entstehende Szenario, was aus einem einfachen Gepäckschein eine kleine Geschichte aus unserer Heimat werden lässt.

Die beiden Gepäckbegleitscheine mit den Nummern 323 und 324 wurden am 7. Mai 1943 am Bahnhof Walkenried verwendet, um eine Anzahl von Sendungen – denn um klassisches Reisegepäck hat es sich vermutlich, wie weiter unten ausgeführt wird, nicht gehandelt – von Walkenried nach Ellrich zu transferieren. Auch der Zug, mit dem dieses geschah, ist notiert: Es war der Zug 283. Das Gewicht aller Stücke zusammen betrug 82 kg. Ob es fünf oder zehn Stücke waren, ist nicht ganz klar, denn auf dem zweiten Schein sind Gewicht und Preis durchgestrichen. Aber es scheint, dass beide Scheine gemeinsam der Aufgabe von insgesamt 10 Sendungen gedient haben. Vielleicht durfte auf einen Schein nur eine bestimmte Anzahl von Sendungen aufgegeben werden, so dass ein zweiter Schein zu Hilfe genommen werden musste. Folgt man dieser Theorie, dann lag das durchschnittliche Gewicht jedes Stücks bei ca. 8 kg.

Hauptbahnhof Walkenried

Dieses um 1950 entstandene Gemälde aus dem von Karl Helbing erstellten Rosenblath-Zyklus (zu besichtigen in der Walkenrieder Gipsausstellung) zeigt den alten Walkenrieder Hauptbahnhof, der mittlerweile nicht mehr als Bahnhofsgebäude genutzt wird.

 

Auf der Rückseite hat der Bahnhof Ellrich per Stempel und Wiederholung der Zugnummer – Ordnung muss sein – den Eingang der Sendungen bestätigt. Versetzen wir uns anhand der beiden Scheine zurück in das Jahr 1943, genauer zum 7. Mai 1943. Wir wollen versuchen, das Geheimnis dieses Versandes ein wenig zu lüften und ein paar Begleitumstände aus jenen Tagen mit betrachten.

Zunächst einmal ist es für den heutigen Betrachter gewöhnungsbedürftig, dass man 10 Sendungen in den Nachbarort per Bahn auf den Weg brachte. Selbst vor über 60 Jahren hätte es dafür sicher einen anderen, einfacheren Weg gegeben, doch war der Transport per Lkw im Kriegsjahr 1943 mit Sicherheit schon stark eingeschränkt und auf kriegswichtige Dinge begrenzt. Außerdem war es damals völlig selbstverständlich, die Bahn für jede Art von Transport in Anspruch zu nehmen.

Ungewöhnlich auch, dass die Sendungen als „Gepäck“ deklariert wurden. Normalerweise konnte man Gepäck nur aufgeben, wenn man selbst reiste, also eine Fahrkarte hatte. Das dürfte im vorliegenden Fall aber kaum so gewesen sein, denn dann hätte jemand eigens zu diesem Zweck von Walkenried nach Ellrich fahren müssen und natürlich auch wieder zurück. Es ist daher anzunehmen, dass die 10 Sendungen unbegleitet auf den Weg gebracht wurden. Vielleicht war es kriegsbedingt möglich, so zu verfahren, vielleicht waren andere Formulare, zum Beispiel für den Expressversand, ausgegangen oder dieser Dienst war schon eingestellt.

Nun noch zum Zug selbst. Der „283“ lässt sich anhand des Fahrplans für das Jahr 1943 nachweisen. Dieser liegt uns als Nachdruck für Thüringen vor und enthält auch die damalige Kursbuchstrecke 200 Ottbergen – Northeim – Herzberg – Nordhausen. Die Nummer 200 hatte unsere Strecke erst kurz zuvor erhalten, 1939 firmierte sie noch als „176“ und 1941 dann schon als „200“. Immerhin hatte man mitten im Krieg noch Zeit für eine Kursbuchreform. Die Tabelle 200 trägt im Kopf den Vermerk „Alle Züge 2., 3. Klasse“, auch unser 283 machte hiervon keine Ausnahme. Er war einer von 12 regelmäßig über unsere Strecke fahrenden Reisezügen, die übrigen 7 trugen den Vermerk „Verkehrt nur auf besondere Anordnung“, und wir können heute nicht mehr nachvollziehen, ob sie im Mai 1943 auch tatsächlich eingesetzt wurden. 2 von den regulären 12 Zügen waren übrigens „SFR“-Züge, also Schnellzüge für Fronturlauber, die nächtens durch den Südharz rollten zwischen Leipzig, Halle und Aachen und zurück. Das einzige Eilzugpaar fuhr vermutlich nicht, der Rest waren schlichte Personenzüge mit Halt auf allen Stationen.

Fahrplan von 1943

Das Fahrplanbild zu unserer Geschichte: Wir sehen den nächtlich durchrollenden „SFR“, den „Schnellzug für Fronturlauber“, und wir erkennen die Einschränkungen an den Rauten und dem „X“. Die so markierten Züge fuhren nur auf besondere Anordnung. Mittendrin unser Zug 283 Northeim – Nordhausen.

 

Unser „283“ begann seinen Laufweg täglich um 13.56 Uhr in Northeim. Dort traf um 13.21 Uhr der D 73 von Frankfurt ein und um 13.42 Uhr der Personenzug 765 von Göttingen. Von Norden gab es einen Anschluss um 13.46 Uhr aus Kreiensen. In Herzberg hielt unser Zug von 14.37 bis 14.44 Uhr und nahm einen Anschluss um 14.33 Uhr aus Seesen – Osterode auf. In Scharzfeld wurde von 14.51 bis 14.54 gehalten, um 15.00 Uhr konnte man ab dort nach St. Andreasberg West fahren. Walkenried wurde von 15.20 bis 15.22 Uhr bedient, Ellrich um 15.28, und das Ziel Nordhausen erreichte der „283“ um 15.51 Uhr. Dort gab es um 16.19 Uhr einen Anschluss nach Erfurt.

Die relativ langen Aufenthalte deuten darauf hin, dass mit diesen Zug viel Gepäck und – soweit noch zugelassen – Expressgut befördert wurde, für dessen Be- und Entladung man einige Zeit brauchte. Unsere 10 Sendungen gingen in Walkenried also um 15.22 Uhr auf die Reise und kamen 5 Minuten später nach Passieren des Tunnels in Ellrich an.

So weit die Fakten. Doch es reizt, ein wenig weiter zu forschen – oder zu spekulieren.

Was wurde in Walkenried in größerer Zahl und mit relativ großem Gewicht aufgegeben, um im Nachbarort wieder entladen zu werden? In Walkenried wurde zu jener Zeit Gips produziert, den es jedoch in Ellrich auch gab. Vor allem aber wurde in Walkenried Seife hergestellt, und nicht nur  solche zum Waschen, sondern auch Kernseife, Schmierseife und Waschpulver bei „Genzel“. In Ellrich wiederum könnte es hierfür Abnehmer gegeben haben: Es bestand einmal das HJ-Fliegerlager und zum zweiten waren einige Hotels bzw. Ferienheime wie das „Bellevue“ zu Landschulheimen für Kinder aus bombengefährdeten Großstädten umfunktioniert. Dort überall musste Wäsche gewaschen werden. Vielleicht hat ein Händler in Ellrich die Ware bei Genzel geordert, vielleicht wurde sie auch direkt dort bestellt. Originäre „Genzel“-Produkte waren es so oder so nicht, denn damals gab es nur noch Einheitsseife und Einheitspulver, gelenkt von der „Reichsstelle für industrielle Fettproduktion“, kurz RIF genannt. Erst 1949 konnte Genzel wieder zu den eigenen Mischungen zurückkehren – da aber war das große Absatzgebiet im Osten schon verloren gegangen.

Einweich-, Spül- und Waschmittel

Wir gehen also einmal davon aus, dass an jenem 7. Mai 1943 10 Fässer oder Eimer mit Reinigungsmitteln der Firma Genzel von Walkenried nach Ellrich mit dem Zug 283 versandt wurden.

Versetzen wir uns nochmals zurück. Im Mai 1943 dürfte der Glaube an den „Endsieg“ schon merklich gelitten haben. Die 6. Armee hatte schon im Januar 1943 in Stalingrad kapituliert, die ersten deutschen Städte, so Lübeck, waren bereits im Bombenhagel versunken, wobei das Schlimmste für Northeim und vor allem Nordhausen freilich noch bevorstand. Der große Angriff auf Hamburg erfolgte im Juli 1943, und in diese Zeit fiel auch die Landung der Alliierten in Sizilien und die Entmachtung des „Duce“ Mussolini in Italien. Die Schlacht im „Kursker Bogen“ hatte gerade begonnen.  Noch im Mai, um die Zeit der Aufgabe der Seifenfässer herum, kapitulierte das deutsche Afrikakorps, der Nimbus Rommels war dahin. Zwei Jahre später, fast auf den Tag genau, erfolgte die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. 1943 dürften sowohl in Walkenried wie in Ellrich schon einige Kriegstote zu beklagen gewesen sein. Am Bahnhof taten dienstverpflichtete Frauen Dienst, weil die Eisenbahner selbst ins Feld eingezogen waren, und bei Genzel wird es sich ähnlich verhalten haben. Vielleicht wurden auch schon Kriegsgefangene eingesetzt.

Die Todesmaschinerie der SS nahm erst ein Jahr später am Kohnstein und im Lager „Erich“ in Ellrich ihre furchtbare Arbeit auf. Andernorts war sie schon seit langem dabei, planmäßig Leben zu vernichten, aber im Südharz dürfte man hiervon erst 1944 eine gewisse Ahnung erlangt haben…

V1-Produktion

Produktionsstrecke für V1-Waffensysteme im KZ Mittelbau-Dora (Quelle: Bundesarchiv).

 

Über unsere Bahnlinie fuhren nur wenige Personenzüge, aber umso mehr Güterzüge – bis zu 100 am Tag könnten es gewesen sein.

Am frühen Nachmittag jenes 7. Mai machte sich also jemand auf den Weg von Genzel zum Bahnhof Walkenried, sicher mit einem Handwagen, vielleicht auch per Pferdefuhrwerk, um im alten Empfangsgebäude, dem mit den Zinnen, welches heute als privates Wohnhaus genutzt wird, die Sendungen aufzugeben. Welche Gedanken mögen ihn bewegt haben? Vielleicht hatte er einen Sohn oder mehrere im Felde. Vielleicht glaubte er noch an den Endsieg, denn bis Walkenried sprachen sich weltpolitische Nachrichten zensurbedingt eher langsam herum. Am Bahnhof erfolgte die Gepäckaufgabe an einem großen Fenster gleich rechter Hand in der geräumigen Empfangshalle. Vor ihrem Betreten fiel der Blick des Aufgebenden vielleicht noch auf das Gebäude und die Gleise der „Südharzbahn“ nach Braunlage und Tanne, wo sich aber um diese Uhrzeit wenig tat, vielleicht  noch auf das Nebengebäude des Staatsbahnhofs, das so genannte Übernachtungsgebäude, an dem mit großen Lettern angeschrieben stand „Räder müssen rollen für den Sieg – unnütze Reisen verlängern den Krieg“… Solche Botschaften standen damals an beinahe jeder Bahnhofswand, mitunter variiert zu „Erst siegen – dann reisen“. In Walkenried konnte man die Parolen noch bis in die achtziger Jahre hinein sehen, wenn der Regen die Wand etwas angefeuchtet hatte…

Er wollte ja auch nicht reisen, vielleicht siegen, auf jeden Fall aber erst einmal die Fässer loswerden. Dies scheint nicht so einfach gewesen zu sein, denn immerhin wurden hierfür zwei Scheine beschrieben, es wurde gewogen, eingetragen und kassiert. Vielleicht war der Gegenüber bei der Reichsbahn noch ein älterer Eisenbahner, vielleicht aber auch schon eine dienstverpflichtete Frau. Vielleicht wurde ein kurzes Gespräch geführt, wie geht’s (in Walkenried aber eher „wie änn?“), was gibt’s Neues, Politisches wohl kaum, das war zu riskant.

Irgendjemand muss die Fässer dann auf einen Bahnhofshandwagen gewuchtet und auf den Bahnsteig gefahren haben. Der Zug nach Nordhausen fuhr von Bahnsteig 2 ab. Die Sendungen wurden in den Packwagen geladen, denn damals jeder Personenzug hatte. Lok – vermutlich eine preußische P8, eine 38.10, möglicherweise aber kriegsbedingt auch eine Güterzuglok der Baureihe 56 – und Zug werden nicht den besten Eindruck gemacht haben, vieles wurde nur mehr notdürftig instandgehalten und geflickt. Aus dem Fenster blicken Lokführer und Heizer – letzterer möglicherweise ein Kriegsgefangener, die gern zu solchen Diensten herangezogen wurden. Angst vor Tieffliegern musste man 1943 in Walkenried und Ellrich noch nicht haben. Ein Pfiff, und ab ging es in Richtung Ellrich, vorbei an „Posten 268“, in dessen Wohnhaus damals und auch noch nach Kriegsende der Bahnwärter Schumburg wohnte, durch den Tunnel hindurch, am Pontel vorbei. Im Mai zeigt sich das Himmelreich von seiner schönsten Seite, frisches Grün über weißen Gipsklippen, das wird auch 1943 nicht anders gewesen sein – ob das Zugpersonal oder die Fahrgäste hierfür einen Blick übrig hatten?

In Ellrich wurde das Gut wieder entladen, der Schein wurde gestempelt und aufbewahrt – wie sich zeigt, bis zum Jahr 2008 – und irgend jemand wird die Ware dann auf ähnliche Weise wie in Walkenried vom Bahnhof zum Bestimmungsort gebracht haben.

Alltag 1943. Ein Jahr später wurde der Südharzrand im Zuge des Projekts Mittelbau mit Gleisen und Baracken überzogen, musste der zivile Zugverkehr noch weiter zu Gunsten des militärischen eingeschränkt werden. Zwei Jahre später sanken der Bahnhof Northeim und die Innenstadt von Nordhausen in Schutt und Asche, und 44 Jahre lang sollte niemand mehr auf die Idee kommen, Seifenfässer von Walkenried nach Ellrich zu schicken.

Mittelbau Dora

Nur zwei Jahre später: Alliierte Befreier posieren vor dem Eingang zu einem der Stollen des Mittelbaus Dora. Über 20.000 Häftlinge wurden hier bis 1945 auf grausame Art und Weise zu Tode gebracht (Bildquelle: US Air Force).

 

2013: 70 Jahre später ist eigentlich nur noch das Himmelreich unverändert. Walkenried hat einen neuen, kleineren Bahnhof, Ellrich hat noch seinen alten, der aber nun von der Feuerwehr genutzt wird. Statt zweier Gleise zieht sich nur mehr eines durch den Tunnel. Personell besetzt sind beide Bahnhöfe noch, Ellrich betrieblich auf den Stellwerken, Walkenried sogar noch mit Verkauf von Fahrkarten. Aber Gepäck aufgeben kann man schon lange nicht mehr. Statt „Zug 283“ und seiner Zeitgenossen rollen heute täglich 35 Triebwagen zwischen beiden Orten hin und her, ab und an sogar auch noch ein Güterzug. „Genzel“ gibt es schon lange nicht mehr, zu groß war der Verlust der Absatzgebiete östlich des eisernen Vorhangs. Die Kleinbahnen von Walkenried nach Braunlage und von Ellrich nach Zorge sind lange verschwunden. Immerhin fahren ab Walkenried nun Omnibusse nach Braunlage und von Ellrich – wie schon 1943 – solche nach Sülzhayn.

Und: Wir leben im Frieden, seit 68 Jahren. Möge es so bleiben. Und mögen uns Funde wie dieser immer wieder daran erinnern, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist.

Erinnerung an eine fast vergessene mittelalterliche Ingenieurleistung

Walkenrieds Umgebung ist reich an beeindruckenden Bauten und Ingenieurleistungen gerade aus dem Mittelalter. Die Klosterteiche und ihre überlegte Anordnung, die Verbindung der Teiche untereinander belegen das Können der Zisterzienser oder vielmehr der von ihnen beschäftigten Techniker unter den „Laienbrüdern“. Eine andere, sehr bemerkenswerte Leistung in der unmittelbaren Nachbarschaft stellt der ehemalige Klettenberger Mühlgraben dar, an den der Verein für Heimatgeschichte am 16.10. im Rahmen eines von Dr. Karl Schmidt und Fritz Reinboth gestalteten Vortrags erinnerte.

Modell des Klosters Walkenried

Modell des Klosters Walkenried in der Ortsgeschichtlichen Sammlung Walkenried

 

Viel mehr als Erinnern kann man auch nicht, denn der Klettenberger Mühlgraben, konzipiert und angelegt im Mittelalter vielleicht unter tätiger Mithilfe der Walkenrieder, wurde ein Opfer der Zonengrenze oder vielmehr der damit einhergehenden Absperrmaßnahmen der DDR. Das der Abzweigung dienende Wehr lag unmittelbar an der Grenze bei Neuhof, es wurde nach 1961 aufgegeben und somit auch der Mühlgraben seiner Funktion beraubt. Heute ist er weitgehend verschüttet, und auch die Vielzahl der von ihm einst angetriebenen Mühlen besteht nicht mehr. Dabei handelte es sich um ein höchst bemerkenswertes Bauwerk.

Die Burg Klettenberg und der deutlich später entstandene Ort verfügten nämlich, da im Gipskarst gelegen, über keine geeigneten Quellen oder Bäche, mit deren Hilfe Mühlen hätten betrieben werden können. Also kam man auf die Idee, Wasser aus der von Bad Sachsa über Neuhof kommenden Uffe abzuzweigen und über Klettenberg und Holbach der dort vorbei fließenden Ichte zuzuführen. Verwirrend hieran ist, dass die Uffe an dem Punkt, wo das Wehr zur Abzweigung eingebaut wurde, bereits „Sachsengraben“ heißt, während der künstlich angelegte Mühlgraben in Klettenberg selbst wiederum „Uffe“ genannt wurde. Technisch beeindruckend ist die Tatsache, dass zwischen Branderode und Klettenberg eine Wasserscheide zu überwinden ist. Mit viel Mühe und unter Ausnutzung natürlicher Senken, die es im Gipskarst immer wieder gibt, wurde der Graben über die Wasserscheide hinweg nach Klettenberg geführt und versorgte dort und in Holbach fortan über zehn Mühlen. Mit Hilfe einer Wasserkunst wurde dem Graben auch Wasser entnommen, um es auf einen Berg zu pumpen und so den Ort, die Domäne und das Rittergut mit Brauchwasser zu versorgen. Wie vom Mühlgraben, so existiert auch von dieser „Wasserkunst“ heute fast nichts mehr. Die Mühlen wurden später mit Turbinen versehen, um – in geringen Mengen – Strom zu erzeugen; auch das Klettenberger Gipswerk der Firma Börgardts nutzte eine der Mühlen für ihre Mahlvorgänge. Dem dahinter liegenden Steinbruch viel die alte Druckwasserleitung von der „Wasserkunst“ zum Hochbehälter zum Opfer. Heute ist der Mühlgraben, einst Lebensader von Klettenberg, nur noch fragmentarisch vorhanden und zu einer Kloake verkommen. Was sehr bedauerlich ist, denn, wie gesagt, es handelt sich um einer sehr beachtliche vermessungs- und bautechnische Leistung der Vergangenheit.

Fritz Reinboth steuerte eine Anekdote zum Thema Mühlgraben bei, denn bei der Neuanlage des Wehrs im 17. Jahrhundert gab es Streit zwischen Neuhof (zum Herzogtum Braunschweig gehörend) und dem inzwischen preußischen Klettenberg, der bis hinauf zu Herzog Carl I. und König Friedrich Wilhelm I. drang. Allerdings ist wohl davon auszugehen, dass die beiden Potentaten sich nicht persönlich mit der Angelegenheit befassten, die dann auch friedlich beigelegt wurde. Die exzessive Entnahme des Wassers aus dem Sachsengraben (der Uffe) führte übrigens dazu, dass die unterhalb des Wehrs liegenden Orte Branderode, Obersachswerfen und Gudersleben ohne Mühlen auskommen mussten. Eine lebhafte Debatte über die Energieversorgung einst und jetzt beendete den gut besuchten Vortragsabend. Er gibt vielleicht Anregung, sich die Klettenberger Mühlgrabengeschichte einmal vor Ort anzusehen.

Zugriffsstatistik

  • 244.983 Besucher

(aktuell 73 Abonnent*innen)